Einblicke ins Projekt "Christen und Muslime in Baden" (2008-2013)

Gute Nachbarschaft gestalten – Interkulturelle Kompetenz stärken. Herausforderungen für die Seelsorge wahrnehmen

Konzeption und Zielsetzung

Nach dem Forschungsbericht „Muslimisches Leben in Deutschland“ (2009) des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge leben in Deutschland rund 4 Millionen Musliminnen und Muslime - in Baden-Württemberg davon annähernd 700.000. Damit ist Baden-Württemberg nach Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit dem zweithöchsten Anteil an Musliminnen und Muslimen an der Gesamtbevölkerung; unter ihnen bilden Muslime türkischer Herkunft die stärkste Gruppe.
 
Immer wieder neue Anlässe im interreligiösen Kontext fordern dazu heraus, neue Formen des Zusammenlebens zu erproben und weiter zu entwickeln: Christlich-muslimische Feiern in Schulen, eine „Meile der Religionen“ beim Stadtjubiläum, eine „Charta des gemeinsamen Miteinanders“ auf Stadtebene. All diese Beispiele fordern reflektierte Handlungskonzepte und theologisch verantwortete Formen des Dialogs.
 
In Kooperation von Referat 5 (Abteilung Migration, Interkulturelle Kompetenz, Interreligiöses Gespräch), Referat 4 (Evangelische Frauen in Baden) und Referat 4 (Landesstelle für Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung) hat das Projekt "Christen und Muslime in Baden" die Basis für eine weiterführende Vernetzung der christlich-muslimischen Dialogarbeit in Baden geschaffen.
 

Das Gespräch mit nichtchristlichen Religionen ist in der Grundordnung der Evangelischen Landeskirche in Baden (2007) in ihren Artikeln 54 und 78 (2) verortet: 



Artikel 54 „Die Landeskirche sucht das Gespräch mit nicht christlichen Religionen und ist auf allen ihren Ebenen offen für die Begegnung mit anderen Religionsgemeinschaften.“ Artikel 78 (2)

„Die Aufgaben des Evangelischen Oberkirchenrates sind insbesondere: (…) 9. die Verbindung mit den Organen der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihren Gliedkirchen zu pflegen und zu fördern, die ökumenischen Beziehungen zu anderen christlichen Kirchen wahrzu-nehmen und zu stärken und den Dialog mit anderen Religionsgemein-schaften zu führen.“


Ziel des Projektes ist die nachhaltige Entwicklung, Weiterführung und Vernetzung einer christlich-muslimischen Dialogarbeit in unserer Landeskirche gewesen. Dieses Ziel wird in sieben Teilprojekten (TP) verfolgt, die in sich schlüssige Einzelprojekte sind. Gleichzeitig ergänzen sich die Teilprojekte gegenseitig und fördern eine referatsübergreifende Vernetzung:

- Bestandserhebung „Christen und Muslime in Baden“ (TP 1)
- Interreligiöses Frauennetz (TP 2)
- Handreichung zu genderspezifischen Herausforderungen (TP3)
- Veranstaltungen in den Gebietskörperschaften (TP 4)
- EB-Curriculum, fünf Bildungsmodule (TP 5)
- Begleitende Öffentlichkeitsarbeit (TP 6)
- Arbeitsbuch zum Zusammenleben mit Muslimen in Baden (TP 7)

BEstandsaufnahme

26 Dekanatsleitungen der Ev. Landeskirche in Baden wurden 2008/2009 nach intensiver Vorbereitung von der Landeskirchlichen Beauftragten für Islamfragen und dem Inhaber der Projektstelle besucht. Im Gespräch mit der/dem jeweiligen Dekanin/Dekan und einer von ihr/ihm zusammengerufenen Expertengruppe wurden folgende Punkte erörtert:

 
- Muslimische Einrichtungen und Gruppierungen im Kirchenbezirk
- aktueller Stand des Verhältnisses von Christen und Muslimen
- bestehende Dialoginitiativen
- mögliche Ansprechpartner/innen im christlich-muslimischen Dialog
- ortsspezifische Bedürfnisse, Fragestellungen und Schwerpunkte
- Bedarf an landeskirchlicher Unterstützung 

 


Aufgrund der Dekanatsbesuche gewonnene Einsichten:

  1. In den meisten Kirchenbezirken wurde die bewusste Auseinandersetzung mit den muslimischen   Nachbarinnen und Nachbarn durch den Bau einer repräsentativen Moschee im Umfeld angestoßen.
  2. In vielen Kirchenbezirken sind Frauen wichtige Trägerinnen des interreligiösen Dialog. 
  3. Die große Nachfrage des EEB-Kurses "Christen und Muslime. Unterwegs zum Dialog" ist wesentlich auf die noch immer verbreitete Unsicherheit im Dialog mit Menschen einer fremden Religion zurückzuführen. Der EEB-Kurs wird dabei helfen, durch gezielte Wissensvermittlung den eigenen Erfahrungs-horizont zu weiten und die Gesprächsfähigkeit zu fördern.
  4. Vielerorts stellt sich verstärkt die Frage nach der Nachhaltigkeit von Dialogprozessen: Wie können lebendige interreligiöse Begegnungen in einen dauerhaften Dialog überführt bzw. neu belebt werden?
  5. Die Dialogarbeit mit Jugendlichen sollte ausgeweitet werden. Der Dialog darf nicht auf die Eltern- und Großelterngeneration beschränkt bleiben.
  6. Erzieherinnen und Erzieher in evangelischen Kindertageseinrichtungen sollten in ihrem Erziehungsauftrag im interreligiösen Kontext unterstützt werden.
  7. Die mangelnde Deutschkenntnis von Imamen wird als Hemmnis im Dialog erlebt.